Die Immoralisten

Seit Februar 2010 hat Freiburg ein neues Theater: Auf dem Gelände des Stühlinger Gewerbehofs befindet sich das 140 Quadratmeter große Theater der Immoralisten. Es fasst maximal 80 Zuschauerplätze und gibt dem freien Ensemble nach harten Wanderjahren ein zu Hause. Ein besonderer Ort: offen und individuell mit flexibler Bühne wird dort Schauspiel zur unmittelbaren und hautnahen Erfahrung. Mit den beiden Theaterleitern Florian Wetter (Schauspieler & Musiker) und Manuel Kreitmeier (Regisseur) sprach der Autor Julian Kirrin.


JK: Hallo, Ihr Zwei. Wie geht’s Euch in der Wanne?


FW: Doch, ist angenehm.
MK: Doch, ja.

JK: Kühlt Ihr Euch ab oder wärmt Ihr Euch auf?

FW: Nach dem ersten Sommer hier?
MK: Wohl beides ...

JK: Ihr seid ja richtig heiß gelaufen und habt zusätzlich zu Eurer Arbeit am neuen Theater jeden Monat ein neues Stück herausgebracht. Dreht man da nicht völlig durch?

MK: Es braucht schon eine Menge Kraft und Energie diese Produktionsdichte mitsamt dem Aufbau einer ganz neuen Infrastruktur durchzustehen, aber wir sind jung, haben tolle Mitstreiter und viele gute Ideen und vor allem wir wissen für was und wen wir arbeiten und haben ein klares Ziel vor Augen.
FW: Wir hatten auch Lust uns in der neuen „Wohnung“ auszuprobieren. Jetzt wird die Arbeitsintensität zwar nicht nachlassen, aber wir möchten uns in Zukunft auch kurze Auszeiten nehmen zur Regeneration – sofern wir können.

JK: Und könnt Ihr?

FW: Noch nicht. Wir haben uns drei Produktionen für den Herbst vorgenommen und kommen dann Mitte Januar mit einer deutschen Erstaufführung eines kanadischen Stücks heraus.

JK: Was ist das für ein Stück?

MK: Ein wunderbarer, surrealer, sehr komischer und eigenwilliger Text: „Abraham Lincoln geht ins Theater“. Ein Stück über eine Schauspieltruppe, die Lincolns Ermordung nachspielen möchte, bis die Grenzen vom Schauspieler zum Attentäter, vom Regisseur zum ermordeten amerikanischen Präsidenten fließend werden. Sein und Schein, Liebe und Hass ergeben einen spannenden Cocktail, der in der Frage gipfelt, wann und warum Menschen zu töten im Stande sind.

JK: Von Shakespeare bis zu Uraufführungen neuer Texte macht Ihr ja alles. Was ist dabei eigentlich Euer Profil?

FW: Für uns ist Theater keine elitäre Kunst. Wir möchten zum Publikum sprechen, auch wenn Inhalt und Sprache auf den ersten Blick schwerer zugänglich scheinen. Daher ist es auch ganz egal, wie alt oder neu ein Text ist – solange er das Potenzial hat, etwas auszudrücken was uns interessant oder relevant erscheint.
MK: Unser Ziel sind Inszenierungen, die das Publikum etwas angehen, die Fragen aufwerfen, die mit uns Menschen heutzutage zu tun haben. Und diese Fragen finden sich bei modernen Texten ebenso wie bei Shakespeare, denn eigentlich sind die wichtigen, aktuellen Geschichten und Themen uralt.

JK: Aber alles führt Ihr doch nicht auf, oder? Etwas Bestimmtes zieht Euch doch immer wieder an?

MK: Um einige Stichworte zu nennen, die uns wichtig sind: Schwarzer Humor statt Boulevard, Surrealismus statt Traktat, emotionale Konflikte statt fernes Regietheater, menschliche Abgründe statt Samstagabendweichspüler, schallende Komik statt Comedy, Bilderwelten statt postmoderne Einöde – noch mehr?

JK: Ich glaube, ich habe verstanden. Andere Frage: Ihr beide arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich zusammen, habt aber auch ganz unterschiedliche Profile. Habt Ihr vor, das in das Profil des Theaters stärker einfließen zu lassen?

FW: Du hast recht, für die Musik bleibt mir momentan sehr wenig Zeit. Aber sie ist trotzdem immer präsent in den Arbeiten, sei es auch nur in Form von Elementen wie Timing, Rhythmus, Form- und Tempogestaltung. Trotzdem möchten wir beide in Zukunft auch Projekte ganz anderer Art machen. Das erste wird die Uraufführung von „Addiction“ im Frühling werden, wo es dann eine eigene Bühnenmusik gibt.
MK: Da kann ich Florian nur zustimmen: Wir sind zwei künstlerische Leiter mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und Talenten. Das wird sich in Zukunft noch mehr im Repertoire des Theaters niederschlagen. Es wird definitiv mehr theatrale Projekte mit Musik geben, soviel sei schon jetzt verraten.

JK: Soll ich heißes Wasser nachgießen?

FW: Danke, Julian.
MK: Herrlich! 

JK: Bei „Geschlossene Gesellschaft“ war die Bühne in der Mitte mit den Zuschauern drum herum. Bei „Tartuffe“ habt Ihr die komplette Vorderseite bespielt, bei „Pool (no water) war die Bühne ein leeres Schwimmbecken und bei Beckett ein Meeressteg ins Nichts. – Gehört diese Flexibilität von Bühne und Raum zu Eurem Konzept?

MK: Bühne und Raum sind zwei wesentliche Ereignisse im Theater. Die Zuschauer bekommen bei uns mit jedem Stück etwas Neues zu sehen. Viele Zuschauer erkennen den Raum dann kaum wieder.

JK: Was haben wir denn noch in den nächsten Spielzeit von Euch zu erwarten?

FW: Eine Neuaufnahme der „Elektra“ gleich zu Beginn – in einer Art „Circus maximus“. Dann mit „Bombshells“ ein sehr schräges Intermezzo mit einem Hauch Broadway über sechs durchgeknallte Frauen und dann natürlich das große Herbststück „Emilia Galotti“ von Lessing. Das Publikum wird Augen machen, was für ein gutes Stück das ist ...

JK: Na dann wünsche ich Euch weiterhin viel Kraft und Erfolg! Wollt Ihr jetzt aus der Wanne heraus?

FW: Ach nein, ist gerade angenehm. Wir bleiben noch ein bisschen.
MK: Aber danke!